Bücherwelt Grenzenlos

„… Aneignung einer anderen Realität, das Sichverlieren in außergewöhnlichen Erfahrungen. In den Welten der Bücher wird die Seele grenzenlos, heißt es zum Auftakt im Programmheft. Na gut, kann man so stehen lassen. Wenn’s denn sein muss. (Im Schlussabsatz darf Schiller dann noch was zu beschränkter Wirklichkeit und grenzenlosen Gedanken sagen. Die Fantasy-Autorin dankt! ;–) )

Ansonsten hielt sich die Grenzenlosigkeit beim Bücherfest doch sehr in Grenzen.

Begrenzt das Bücherständeangebot (war früher mehr los, oder trügt mich die Erinnerung?), begrenzt die Angebote fürs leibliche Wohl. Rascher Happenpappen zwischen den Lesungen? Schwierig.

Überschreitung von Grenzen, das schon eher.

OB Boris Palmer holte im Grußwort (dem im Programmheft, die Eröffnungsreden habe ich mir erspart) schnöd-brisante Weltpolitik ins beschauliche Lesezimmer, ein paar Lesungen wurden in Gebärdensprache übersetzt, „bei weiteren steht eine FM-Anlage für Hörgeschädigte zur Verfügung“.

Grenzen auch für die Teilnahme von Rollstuhlfahrern. Im hügeligen Tübingen ohnehin ein Problem, das nicht leicht zu lösen ist. Immerhin auch da Grenzüberschreitung: Als Claudia Ott ins Märchenreich von »101 Nacht« entführte, nur über Treppenfluchten erreichbar, schleppten Besucher zwei Rollis samt ihren Fahrern die Stiegen hinauf und setzten sich Organisatoren über angebliche rechtliche Grenzen (Fluchtwege! Versicherungen!) hinweg, damit auch die beiden Bewegungs-Begrenzten sich entführen lassen konnten. (So entnahm ich es einem Leserbrief am Folgetag.) – Chapeau!

„Bücher zum Tasten und Schauen“ stellte eine Künstlerin aus. (Buchentgrenzung?) Ein Autor bannte einen Kometen ins Cocktailglas.

Natürlich waren auch die Tabugrenzen von Geschlecht und Geschlechtern ein Thema: als „… selbstbewusste Frauen in Literatur und Geschichte, die gesellschaftliche Veränderungen […] vorwegnehmen …“Provokante Weibsbilder« heißt ein passendes Buch dazu) oder als Liebe zwischen zwei Schwulen in der Türkei, »Ali und Ramazan«. (Natürlich geht es schlecht aus, noch ist Aufrütteln angesagt. Auch bei uns ist es ja noch nicht normal, in einem Roman einfach zwei schwule Protagonisten aufzufahren, obwohl das Hauptthema ein ganz anderes ist.)

Die 1000-Zuhörer-Schallmauer wurde nirgends durchbrochen, selbst Harry Rowohl immobilisierte „nur“ 800 Lauschende auf ihren Stühlen. Dafür testeten die Zuhörer der LiteRatten-Lesung die Grenzen des Fassungsvermögens des »Luisenbades« aus. (Bis fast dahin, dass den Lesenden Zuhörer auf dem Schoß saßen!) Übrigens überschritt die Luisenbad-Crew auch noch andere Grenzen: die des rein gelesenen Wortes zum Film und zum Theater. Interessant!

Stimmt also das Bücherfest-Motto „Literatur kennt keine Grenzen“?

Natürlich nicht.
Wer nicht sehen kann, kann nicht lesen.
Wer nicht lesen kann, kann nicht lesen.
Wer die Sprache des Geschriebenen nicht kann, kann nicht lesen.
Schon zwischen Vor- und Selberlesen (also eigentlich: Hören und Lesen) verläuft eine kleine, feine Grenze, auch wenn neuerdings „Hörbücher“ (und einstens „Hörspiele“) anderes suggerieren. Wort-Schätze setzen Grenzen. Zeit setzt Grenzen, durch ihr Nicht-da-Sein oder durch ihren Zahn, der die Lebensdauer (also: Gelesenwerdedauer) manches Werkes begrenzt. Von Grenzen der literarischen „Genres“ (oder der Vorstellungskraft ihrer jeweiligen Leser bzw. Nichtleser) einmal ganz zu schweigen.

Eigentlich endet „Literatur“ ja an den Grenzen des Geschriebenen. Was aber nicht heißt, dass es keinen regen Grenzverkehr gibt, hüber und nüber zwischen Literatur und Bild, Literatur und Klang, Literatur und Gespräch, Literatur und …

Duft?

Eure Irja.

(Die Zitate stammen aus dem Programmheft  des Bücherfestes und aus Artikeln des Schwäbischen Tagblattes.)

P.s.: Gleichzeitig zum Bücherfest fand hier die Auto-Messe „automobil 2013“ statt. – Verlief da womöglich die Geschlechtergrenze: Frauen zu den Büchern, Männer zu den Autos?! Au wei.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: