Vorhang auf für süße Früchte / 1

Kornfelder, Wiesen, ein Wasserlauf, nicht mehr Bach, noch nicht ganz Fluss. Eine Stadt, Rauch steigt aus Schornsteinen auf. Über katzenkopfgepflasterten Straßen neigen sich ehrwürdige Fachwerkhäuser einander zu, schiefe Häuschen, von denen der Putz bröckelt, hocken an Lehmgassen wie zum Schwatz. Zwischen ihnen sitzen, stehen, laufen, eilen ihre Bewohner herum.

In einer Seitenstraße ein Haus, erdgelb verputzt, mit verblassenden Bildern von Gemüsen und Früchten darauf. Es wirkt nicht sonderlich groß, hat aber nach hinten heraus einen Anbau, zur Seite einen umfriedeten Hof.

Ein älterer Mann kommt zur Seitentür heraus, lässt sich schwerfällig auf einer niedrigen Bank an der Hauswand nieder, streckt die Beine aus, schaut einem kleinen Mädchen zu, das zwischen Kisten, Körben und Fässern herumstöbert, die auf dem Hof gestapelt sind.

»Kamilla! Komm, setz dich her zu mir.«

»Och, Onkel …!«

»Nu komm, du Springkraut!«

»Kräuter können gar nich springen, Onkel Odulf!«

»Hast du eine Ahnung! Setz dich, ich muss ausruhn. Da, auf den Korb da, ja, so.«

Das Mädchen hüpft auf einen umgedrehten Korb, hoch genug, dass es mit den Beinen schlenkern kann. Aufmerksam schaut es den alten Mann an.

»Also, du erinnerst dich doch noch an deinen Onkel Gosbert?«

»Den Pofressor? Den Papa auch immer ‚Onkel‘ nennt? Hm-hm.«
Das Mädchen nickt eifrig.
»Der hat mir mal so einen Vogel aus Buntholz mitgebracht.«

»Genau, der Pro-Fessor.«
Der Mann schmunzelt.
»Eigentlich ist er ja dein Großonkel, wie ich. Nur ist er der Bruder von deiner Großmutter, und ich bin ein Bruder von deinem Großvater. Also jedenfalls, dein Großonkel Gosbert besucht mich ja manchmal und berichtet dann immer von seinen Reisen. So hat er mir auch von den Hüpfenden Hecken von Hinterhagurien erzählt. Das sind Sträucher, die nie ihre Blätter verlieren, so ähnlich wie Buchs. Aber sie wurzeln nicht in der Erde, sondern hüpfen herum! Jawoll! Sie haben kleine goldgelbe Blüten und runde offene Samenbecher. Wenn die Samen reif sind, klingeln sie in den Bechern wie Glöckchen. Das macht einen Heidenlärm, wenn die so herumhüpfen!«

»Hm.«

»Schau mich nicht so an, das stimmt! Im Laden, über der Tür, da hab‘ ich so einen Zweig aufgehängt. Der hüpft natürlich nicht mehr, aber er klingelt, wenn die Tür aufgeht. – Was ist? Was überlegst du?«

»Hm – also, wenn die so rumhüpfen … Dann kann man die Hecken ja gar nicht ums Haus pflanzen, dass sie den Wind abhalten, oder um die Felder, damit die Rehe und Wildschweine nicht alles wegfressen!«

»Nein. Aber man kann sie auf den Feldern anbinden, dann verjagen sie mit ihrem Hüpfen und Klingeln die Vögel.«

Ein Klang wie von kleinen Holzglocken. Der Mann horcht.

»Hörste? Das sind diese Samenglocken! Ist jemand in den Laden gekommen. Ahje … – Jau, jau! Ich komm‘ ja! Alter Mann ist kein Rennpferd …«

 (Fortsetzung folgt)

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