Vorhang auf für süße Früchte / 2

Der Mann schlurft ins Haus. Das Mädchen hüpft vom Korb und folgt ihm. Durch einen dämmrigen Raum mit Regalen an den Wänden geht es in einen helleren im zur Straße gelegenen Teil des Hauses.

Eine holzgetäfelte Theke dient für Auslagen und zum Verkauf und riegelt zugleich den Zugang zur hinteren Tür vom Ladenraum ab. Unter der Decke, an Schnüren aufgereiht, Kräutersträuße und Trockenobst, in Regalen Spanschachteln, Gewürzsäckchen und Krüge, in Kisten, Körben und hölzernen Horden Rüben, Salatköpfe, Rettiche, Äpfel und Kohl. Die Tür zur Straße steht offen, ein Pferdekarren ist dort zu sehen, auf dem sich Kisten, Körbe, Säcke und Fässer türmen, von denen einige schon vorm Haus abgestellt sind.

Im Laden steht ein Mann, klein, sehnig, auch nicht mehr der Jüngste. Seine gebräunte faltige Haut verrät, dass er viel im Freien unterwegs ist, seine Kleidung ist praktisch und robust. Als der Mann mit dem Mädchen eintritt, zieht der Neuankömmling kurz die Kappe von seinen verschwitzten grauen Locken, setzt sie gleich wieder auf, rückt sie zurecht. Der Großonkel nickt ihm zu.

»Grüß dich, Bertram!«

»Zers‘ Seejen, Dulf! Wo soll’n die Körbe hin?«

»Da ins Eck. – Kamilla, du kannst die kleinen reinholen! Und die Gewürzdosen!«

»Bisken lütt fürn neuen Stift, die Kleene, wa?«

»Meine Großnichte. Aus Niederbruch.«

»Jeh schau! Fixes Mädel, wa? – He! Pass uff! Lass den Korb mal stehn!«

Kamilla hat einen gedeckelten viereckigen Korb aus ungeschälten Zweigen bei den seitlich abstehenden Henkeln gefasst und wuchtet ihn hoch. Sie keucht ein wenig.

»Den kann ich schon tragen!«

»Woll. Aber lassen Deckel zu. Nich, dass dich wat beißt.«

»Beißt? – Holla, Bertram! Was hast du mir da mitgebracht?«

»Drachenbiern‘. Frisch vonnem Ozeanseechler. Halt noch nich jeprüft.«

»Ungeprüfte Drachenbirnen …«
Odulf wirkt leicht verärgert, nickt seiner Großnichte zu.
»Stell den Korb da hinten hin, Kamilla. – Ja, da. Aber lass ihn zu! Den Henkelkorb kannst du auch noch reinholen.«

Das Mädchen tut wie geheißen und springt gleich zur nächsten Kiste, die Bertram gerade hereinträgt.

»Oh! Igel!«

»Nee, Kleene. Det sin bloß Ijeläppel. Ijel wachsen in Laubhaufen, Ijeläppel auf Bäum‘ und auch nich hierzuland‘. Schmecken lecker, aber nur det Fleisch. Die Samen sin jiftich.«
Bertram wendet sich an Odulf.
»Der Apotheker vom Löwen braucht welche, Dulf. Dassde dran denkst!«

»Jau, mach‘ ich, Bertram.«

Kamilla stöbert derweil in weiteren Kisten und Körben, die die beiden Männer nach und nach hereintragen und teils im Laden, teils im Lagerraum stapeln.

»Bäh! Iieh! Was ist das?«

»Wat? – Ach so … – So ’ne Art Harz. Vom Breiapfelbaum. Kannste Saft oder Honich reinkneten oder Minzblätter un kauen. Statt Kautabak.«

»Was is Kautabak?«

»Halt … wie Pfeifenkraut, bloß halt zum Kau’n.«

»Bloß kauen?«

»Bloß kauen.«

»Und wozu isst man sowas?«

»Nich essen – kauen. Schmeckt halt … und is wat zu tun. – Wat schüttelste den Kopp?«

»Ich hab‘ immer was zu tun! Und nur kauen, das ist ja langweilig!«

Der Großonkel hat zugehört, schmunzelt, prüft derweil die Ware.

»Da hörst du’s, Bertram! Kamilla ist vernünftig! Ist Zingiber dabei? Ach da. Süßholz, Färbbohnen … Das nächste Mal brauch‘ ich wieder ein oder zwei Fass Sauerwurzeln.«

»Woll. – Alles klar? Nu jeh‘ ich man widder, hab‘ noch wat vor mir.«

Der Mann lupft erneut seine Kappe, rückt sie wieder auf seinem Kopf zurecht, greift sich noch einen leeren Korb und stiefelt nach draußen.

»Jau, bis die Tage, Bertram.«

Hinter dem Graulockigen fällt die Tür ins Schloss. Die ‚Glocken‘ klappern und klingeln leise. Der Gemüsehändler verschwindet mit seiner Großnichte im Lagerraum und wendet sich der frischen Lieferung zu.

(Fortsetzung folgt)

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