Vorhang auf für süße Früchte / 3

»So, Kamilla, dann wolln wir mal. Hier, füll den Korb da mit Stroh und setz die Feigen um – das sind die hier. Schön vorsichtig. Und wenn eine aufgeplatzt ist, legst du sie hier rein, und schimmlige hier. Ich hoff‘ mal nicht, dass welche schlechtgeworden sind.«

Das Mädchen stupft eine der sackigen Früchte vorsichtig an, nimmt sie mit spitzen Fingern auf, dreht sie unschlüssig hin und her.

»Die sehn komisch aus. Kann man die essen?«

»Klar. Nachher essen wir mal eine zusammen. Sind schön süß. Helfen auch gegen Husten und gegen Geschwulste. Der Baum, auf dem die wachsen, ist übrigens der Frau Hera heilig, und er soll sogar wilde Ochsen besänftigen, wenn man sie dranbindet.«

»Ich kenn‘ nur so platte Feigen. Die sind ganz süß und ziemlich trocken.«

»Sind ja auch getrocknete! Da hab‘ ich aber noch welche von da. – Da oben die braunen Dinger an den Schnüren, die du mal für Schlangen gehalten hast.«

»Hab‘ ich nicht! Hab‘ schon gewusst, was das ist!«

»Na, wenn du das sagst … Wenn du schon dabei bist, kannst du die Äpfel hier und die Rübchen noch aussortieren. Wirf die faulen einfach in den Korb da, das kriegen Barhofers Schweine.«

»Wir treiben Schweine immer über die Äcker oder in den Wald. Da können sie die Eicheln und Bucheckern fressen!«

»Sicher. Aber wir sind hier in der Stadt. Der nächste Wald ist ein Stückchen weg. – Da, das da ist Schweinbrot, diese runden Knollen da. Manche sagen auch ‚Erdnabel‘ dazu. Die Schweine fressen sie gern, aber dazu sind sie hier zu teuer.«

»Warum?«

»Weil sie mehr in den Bergen wachsen und in den Wäldern und meist nicht so viele an einem Fleck.«

»Und wozu sind die dann gut?«

»Die kriegt auch der Apotheker. Der höhlt sie aus, füllt sie mit Öl und macht da eine Salbe gegen Erfrierungen draus. Wenn man die Knollen einpflanzt, wachsen manchmal richtig schöne rosa Blumen daraus, mit hochgeschlagenen Blütenblättern, dass sie aussehen wie eine Blütenkrone. Ich hab‘ sie aber noch nie länger halten können oder Samen davon bekommen.«

Das Mädchen räumt und kruschtelt weiter, mehr neugierig als helfend.

»Autsch!«

»Pass auf, Kamilla! – Wart, ich zieh‘ dir die Stacheln raus. – Jaja, die Vulturnischen Feigen … Sind ein bisschen mit Vorsicht anzufassen! Die sollen auch auf ganz seltsamen Sträuchern wachsen, die gar keine richtigen Zweige haben, nur ganz dicke, breite Blätter mit lauter Stacheln. Genau wie die Früchte. Man muss sie zwischen den Stacheln anfassen und aufschneiden, dann kann man das Mark rauslöffeln, das ist süß wie Honigbirnen oder große Erdbeeren, nur mit ein bisschen anderem Geschmack.«

Das Mädchen schaut irritiert in eine Ecke, in der geschlossene Körbe, Fässchen und kleine Säcke bunt zusammengestapelt sind.

»Was ist?«

»Ich dachte, da hat sich was bewegt.«

»Hm? – Ich seh‘ nichts. Ich glaub‘, das Gewürzsäckchen da ist verrutscht. – Da, das da. Riech mal!«

»Uh! Was ist das? Das kenn‘ ich! Das benutzt Mama manchmal zum Kochen.«

»Gut erkannt. Da, schau.«

»Nüsse?«

»Bisamnüsse, auch Muskaten genannt. Iss sie aber ja nicht wie Nüsse! Da wirst du krank von!«

»Sind die auch ungeprüft?«

»Ungeprüft? Was meinst du?«

»Na, wie die Drachenbirnen!«

»Ach so!«
Der Großonkel lacht.
»Nein … Die muss man doch nur prüfen, weil echte Dracheneier so ähnlich aussehen – jedenfalls die von so einer kleineren Drachenart. Ich nehm‘ sie morgen zum Apotheker mit, der kennt sich da besser aus.«

»Kann man die nich einfach aufmachen un reinschau’n?«

»Sicher! – Und wenn es keine Dracheneier, sondern echte Drachenbirnen sind, kann ich sie nachher alle wegschmeißen! – Nee, nee, die muss man schon so prüfen.«

Wieder zuckt das Mädchen zusammen, weist mit dem Finger in dieselbe Ecke wie vorher.

»Da!«

»Was?«

»Da war wieder was.«

»Ach Unsinn.«

»Doch! So ’n Geräusch. Ganz komisch! Vielleicht sind da ja Hotzpolder drin?«

»Nach all dem Lärm hier? Nee, Kamilla, meine Hotzpolder halten sich schön raus aus so einer Geschäftigkeit. Die kommen heut‘ nacht. Dann pflücken sie mir wieder das Trockenobst ab!«

»Da kommen die doch gar nicht hoch!«

»Oh doch!«

Der Mann zieht Kamilla zur Tür hinter der Theke und deutet auf Regale im Laden.

»Da, die Regale da, an denen klettern sie hoch, und dann turnen sie über die Schnüre.«

Sein Finger weist den Weg, den die Hotzpolder nehmen.

»Meistens turnt einer, schneidet ein, zwei Schnitze ab, dass sie runterfallen, und dann verzieht sich die ganze Bande damit in ihr Versteck und futtert! Darum häng‘ ich Feigen, Datteln, Trockenerdbeeren und Pilze auch nicht an die Wand, sondern unter die Decke. Aber sogar da hab‘ ich schon Hotzpolder erwischt. Manchmal glaub‘ ich, die halten sich ihre eigenen Hüpfhecken – ja, du lachst …«

Die beiden gehen wieder in den Lagerraum, räumen weiter.

»Bei uns gehen sie in die Kornspeicher und an den Speck. Und Papa sagt, sie höhlen die Alantwurzeln aus und wohnen da drin über Winter. Stimmt das?«

»Wenn das dein Papa sagt, stimmt das auch. Vielleicht haben sie ja Husten.«

»Warum?«

»Alant ist gut dagegen. Leg im nächsten Winter mal ein Ohr an so eine Wurzel, vielleicht hörst du die Hotzpolder drin husten! Du glaubst mir nicht? Na!«

Wieder der Glockenton. Der Gemüsehändler hält inne.

»Moment – ich muss wieder in den Laden. Kannst du ein paar Möhren aus dem Sandfass ausgraben und nach vorn bringen? Und noch einen Knoblauchzopf?«

Er eilt hinter die Theke. Eine stattliche Frau, bürgerlich gekleidet, mit Marktkorb am Arm, steht im Laden und schaut sich um. Der Händler verbeugt sich.

»Hera zum Gruß, Frau Belz! Was darf’s heute sein? Die Pastinaken sind gut.«

»Heute nicht, Herr Iseler, heut‘ nicht, danke! Zwei Krauskohl brauch‘ ich aber, und drei Rettiche nehme ich mit. Könnt Ihr mir wieder einen Sack Zwiebeln und zwei Sack Nap-Rüben liefern? Ach ja, einen Topf Sauerwurzeln noch …«

Kamilla kommt in den Laden gerannt.

»Onkel Odulf! Onkel Odulf!«

(Schluss folgt)

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