Vorhang auf für süße Früchte / 4

»Was ist denn, Kamilla? – Meine Großnichte, Frau Belz.«

»Ah! Eure Erbin womöglich?«

»Wer weiß …«

»Onkel Odulf …!«

»Komm her, Kamilla. Begrüß Frau Belz, die Küchenmeisterin vom Stadtvogt!«

Das Mädchen macht einen Knicks vor der Frau.
»Zeres mit Euch, Frau Belz!«
Sofort wendet es sich wieder an den Gemüsehändler.
»Onkel …«

»Gleich, Kamilla. – Ich habe frische Feigen hereinbekommen, Frau Belz. – Ja? Gut. – Kamilla, pack etwas Stroh in das Körbchen da und leg sechs Feigen hinein.«

»Habt Ihr Peoniensamen? Den Herrn Vogt drückt in letzter Zeit der Alp, dass er schier gar nicht mehr schlafen kann, und meine Schwester, die Amtfrau der Gräfin Hochselven, hat mir dieses Mittel wärmstens empfohlen. Der Apotheker hat aber keine mehr.«

»Peonien…?«

»Freysamrosen.«

»Ach so! – Moment … – Ah, Kamilla! Nicht das Gras da. Nimm vom Heu draußen im Weidenkorb.«

Er kehrt mit einer Spanschachtel in den Laden zurück, zählt daraus etwas in ein Leinsäckchen ab.

»Hier, Frau Belz, hier hab‘ ich noch welche. Nehmt jeweils zehn bis fünfzehn Körner davon, zerstoßt sie und gebt sie dem Herrn Vogt in Met oder Wein zu trinken. Das sollte wohl helfen.«

»Ich danke Euch! Und habt Ihr noch die Sandelholzscheiben? Die Frau Vogtin liebt diesen Duft in ihren Kleidern!«

Der Händler greift in den Regalschrank hinter sich, holt zielsicher etwas aus einer Schublade hervor.

»Nehmt auch noch eine Zitrinate dazu, das vertreibt die Motten und riecht allemal besser als Beifuß oder Reinfarn!«

»Ach nein. Die Frau Vogtin zieht da den Lavendel vor. Da hat sie selbst welchen von im Garten stehen.«

»Wenn Ihr meint …«

Kamilla kehrt mit einem Körbchen zurück, aus dem Heu quillt, reicht es hastig der Küchenmeisterin.

»Dank‘ dir, gutes Kind.«

Das Mädchen achtet nicht weiter auf die Frau, wendet sich an ihren Großonkel.

»Onkel – da ist was im Korb!«

»Was für einem Korb? – Ist das jetzt recht, Frau Belz? Ich …«

»In dem Korb bei den Nüssen!«

»Ja, danke. Denkt Ihr an die Sauerwurzeln?«

»Was für Nüsse? – Ja, und die Rüben. Ich setz‘ wieder alles auf die Rechnung, ist das recht?«

»Mit den Bisamnüssen! Also, wo du das Säckchen rausgezogen hast …«

»Ja, danke, Herr Iseler. – Was hat denn Eure Nichte?«

»Ach, sie meint, da wär‘ was zwischen den Körben. Die sind aber nur ein bisschen unordentlich gestellt – hab‘ gerade eine frische Lieferung bekommen.«

»Ja dann … will ich Euch nicht länger vom Einräumen abhalten!«

»Nicht zwischen! In! In dem zuen Korb!«
Das Mädchen wirkt aufgeregt.

»I wo, Frau Belz! Das hat keine Eile!«
Der Händler hält der Frau die Tür auf.

»Einen schönen Tag noch, Herr Iseler!«

»Euch auch, Frau Belz …«
Der Händler schließt die Tür, fährt zu seiner Großnichte herum.
»Ja, herrin-zeres-nochmal! Ich sag‘ dir doch, dass da nix ist! Ich muss doch die Kunden bedienen!«

Aus dem hinteren Raum dringt ein lautes Knistern wie von rutschenden, fallenden Körben. Der Händler stürzt hinter die Theke und in den Lagerraum, seine Großnichte folgt ihm. In der bewussten Ecke stehen die Körbe und Schachteln noch etwas schiefer als vorher, aus einem gedeckelten viereckigen Korb aus ungeschälten Zweigen mit seitlichen Henkeln dringt deutliches Scharren, Knistern und Kratzen. Großonkel und -nichte erstarren.

»Die Drachenbirnen!«

»Onkel …?«

»Raus, Kamilla, raus hier!«

Ohne sich darum zu kümmern, dass das Mädchen seiner Aufforderung keineswegs folgt, räumt der Gemüsehändler hastig Schachteln und Körbe beiseite, wirft dabei eine Kiste mit braunen Knollen um, sucht fahrig etwas im Raum, findet einen Besen und öffnet mit lang vorgestrecktem Arm, seine improvisierte Waffe stoßbereit, den Deckelkorb. Etwas Graues hüpft heraus, am Händler vorbei, der vor Schreck auf den Hosenboden fällt, das Mädchen schreit auf. Etwas Graupelziges mit buschigem Schwanz klettert panisch an einem Holzregal empor, bleibt auf einer Spanschachtel sitzen und lugt herunter.

»Ein Hotzpolder, ein Hotzpolder!«
Aufgeregt, aber nicht mehr ängstlich, zeigt Kamilla zu dem Wesen hinauf.

»Unsinn! – Das ist ’n ganz normaler Bilch!«

»Ein Bilch! Ein Bilch!! Ist der niedlich!«

»Ja – und verfressen.«

»War der die ganze Zeit in der Kiste?«

»Woll.«

Der Großonkel schlurft zu einem Fenster, nimmt umständlich einen mit Leinwand bespannten Rahmen aus der Öffnung, stellt einige Kisten und Fässchen als Treppe davor, greift sich wieder den Besen und versucht den Bilch zum Fenster hinauszutreiben. Die Großnichte will helfen.

»Pass auf – die können gut beißen! Da, nimm den Lumpen da!«

Es gibt eine wilde Jagd, in deren Verlauf der Gemüsehändler den halben Lagerraum umräumt, weil der Bilch sich immer wieder versteckt. Endlich witscht das Tier doch noch durchs Fenster hinaus. Sorgfältig setzt der Händler den bespannten Fensterrahmen wieder ein, hockt sich auf ein Fässchen, wischt sich den Schweiß aus dem Gesicht.

»Grad‘ so frech wie ein Hotzpolder!«

Auch das Mädchen setzt sich.

»Der findet aber doch wieder ein neues Zuhause, oder?«

»Bestimmt! – Bloß hoffentlich nicht bei mir! So einer hat mir mal sämtliche Äpfel zernagt!«

Mühsam erhebt sich der Mann, öffnet den Deckelkorb, greift ein kindskopfgroßes grellrosa Ei mit einzelnen langen grünen Schuppen heraus, zieht ein kleines Messer und lässt sich seufzend wieder auf das Fässchen fallen.

»Jetzt haben wir uns aber auch eine von diesen Dingern verdient!«

Er setzt das Messer an und beginnt die Frucht aufzuschneiden.

»Normalerweise ess‘ ich die ja nicht selbst, aber …«

»Zschsch!«

Der Onkel erstarrt, Kamilla schaut begeistert.

»Ist der niedlich!«

»Oh Herrin Zeres, ich fass‘ es nicht!«

ENDE

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