Der neue Roman und sein Ende

„Wehe, wehe, dreimal wehe, wenn ich auf das Ende sehe …“ (W. Busch)

Oder doch lieber Ende gut, alles gut und Freudenglöckchen unter rosa Blümchen?

Happy End oder dystopisches Bad End, Schwarz oder Weiß. Mehr scheinen Schreibratgeber und Literaturtheoretiker bis heute nicht zu kennen.

Warum eigentlich nicht?
Und warum gilt Ersteres als triviales Pfui-Bah, Letzteres geradezu als Qualitätsmerkmal?

Sicher: Geschichten mit richtig saftigem Happy End sind meistens etwas für jene Leser/innen, die sich gerne rosa Brillen aufsetzen lassen, um die Wirklichkeit dadurch zu betrachten. Heile, heile Gänschen, jetzt ist alles wieder gut … – Das ist ein Merkmal von Trivialität, Mediokrität, Nicht-nachdenken-Wollen. Wer eine solche Weltsicht bedient, macht sich – zum Teil wenigstens – der Verharmlosung der Welt schuldig.

Aber es gibt auch eine Trivialität der Dystopie. Die Geistes-Elite (oder was sich dafür hält) und Bildungsbürgerschaft geben sich dieser besonders gerne hin, dieser „Lust an der Kaputtheit der Welt“ (Ex-Theaterchefin am LTT).

Aber so ist doch nun mal das Leben!, tönt es dann. So ist die Wirklichkeit! – Ach ja?

Es gibt Zeiten, in denen sind dystopische Geschichten angebracht, sogar notwendig. Wenn die Alles-ist-gut-Soße den Blick auf Missstände und Elend verklebt, dann muss es Geschichten geben, die Missstände und Elend herausschöpfen, darauf zeigen und sie benennen. Die sagen: Nein, für viele geht es eben nicht gut aus! – Nachkriegsliteratur zum Beispiel.

Heute leben wir aber in anderen Zeiten. Den meisten von uns geht es noch sehr gut, manchen vielleicht sogar zu gut, ja. Aber die „Welt, wie wir sie kennen,“ bröselt an allen Ecken und Enden.

Übersättigung und gleichzeitiges Gefühl des Niedergangs treiben viele Leute zu immer neuen „Kicks“. Die einen machen als Gaffer Handyaufnahmen von Unfällen oder Quälereien, die anderen … erfreuen sich an Zombies, Dark Fantasy, Apokalyptiken oder eben hochliterarischen ach-so-schön schlecht ausgehenden Geschichten.

Na gut, lieber Letztere als Erstere. Lieber unterbewusstes Wahrnehmen des Bröselns, als beruhigende und ablenkende Weltretter-Heroen-Soße. (Superman boomt, Pilcher & Co. ebenfalls …) Allerdings scheint auch die einstmals aufrüttelnde Dystopie heute eher einlullende Wirkung zu haben. – Führt sie womöglich gar nicht zum Aufwachen, sondern zu lähmender Hoffnungslosigkeit?

Was nämlich komplett auf der Strecke bleibt, sind Ideale und Visionen.
Ieh-pfui-gaga-ba!
Für derlei ist kein Platz in der Schönen Neuen Welt von Ökonomokratie, Realitätssucht, Nabelschauen und „Lust an der Kaputtheit“! Wundert es da, dass Idealismen und Heils-Halluzinationen als Ersatz herhalten müssen und gerade wieder fröhliche, oder vielmehr brutale Urständ feiern?

Alle Dystopie-Liebhaber und Verehrer kaputter Realitäten frage ich allerdings eines: Warum steht ihr morgens eigentlich noch auf?

Darum gebe ich meinen eigenen Geschichten am liebsten ein … – nun, nennen wir es: „Hopeful End“.

Eure Irja.

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3 responses to this post.

  1. Schwarz-weiß-Denken nervt ohnehin. Und bei Büchern ist das ja besonders beliebt. Und immer müssen sich schwarz und weiß anfeinden – grausig! Dabei gibt es mindestens noch Graustufen 😀

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