Tübinger Poetik-Dozentur 2015 ­ Strahlenkatzen

Liebe Lesende,

Cat Content, und das bei mir? ­ C. J. Setz macht es möglich! Wenigstens ein bisschen.

Neonlampen zwischen altehrwürdiger bemalter Deckentäfelung. Moderne Stuhlreihen zwischen kräftigen Pfosten, die Dach & Decke stützen. Eine Orga-Chefin, die bis dato noch nicht wusste, was ein USB-Stick ist. ­ Tübingen trifft Moderne!

C. J. Setz war zuerst im Netz zu Hause, bevor er die Literatur entdeckte. Lustigerweise hielt er hübsch altertümlich eine echte Vor-Lesung. Denn wenn er frei rede, meinte er, gebe das eine Katastrophe, das könne man in YouTube bewundern. Dafür stimmte dann auch (fast) jedes Wort. Sprache beherrscht Setz, aber hallo!

Und er beherrscht das Abschweifen. Zuweilen kam ich mir vor wie in Sternes »Tristram Shandy«: Klassiker der Literatur als ewig lebende Seegurken, Vergleiche mit dem Leierschwanz, ein Liebesgedicht an eine Computer-Turtle in Logo, Thommasons, Zeitkapseln …

All das arabeszierte freilich stets um den einen thematischen Kern herum: das Überdauern menschlicher Mitteilungen, speziell womöglich literarischer Art. Da kommen dann auch die Strahlenkatzen ins Spiel.

Wie machen wir Menschen unseren Nachkommen klar, was dieses komische Dreier-Tortenstück auf durchrostenden Fässern im Salzstock bedeutet oder dass sie die Nähe einbetonierter Betongebäude hinter so einem Schild mit schwarzgelben Farbresten besser meiden?

Man züchte, postulierten die Autoren Bastide & Fabbri, Radiation Cats³, beliebte Haustiere, die ihre Farbe wechseln, wenn sie in die Nähe gefährlicher Strahlung kommen. Wenn sich um diese possierlichen Tierchen Sprichwörter, Fabeln Erzählungen ranken, wird wenigstens vages Wissen um ihre Funktion noch viele Generationen lang vorhanden bleiben.

Und was könnten nun literarische Strahlenkatzen sein? ­ Vielleicht Texte, die immer weiter gegeben werden, auch wenn man gar nicht genau weiß, was sie mal sein sollten. Die aber ihre Fellfarbe ändern und alarmierend klingen, wenn die Menschheit in (ethisch) gefährliche Fahrwasser gerät.
Schön gedacht.

Was aber, frage ich mich, wenn so eine Strahlenkatze im Kölner Stadtarchiv lagerte, noch ungescannt? Oder in einer nun zerstörten syrischen Bibliothek? Oder in Linear A geschrieben war, also in heute weitgehend unbekannten Zeichen in unbekannter Sprache?

Ja, ja, wer schreibt, bleibt ­ als Rätsel künftiger Archäologen! 😉

Eure Irja.

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