Agatha Christie: Alter schützt vor Scharfsinn nicht

Liebe Lesende, Schreibende und Gärtnernde,

im Moment schmökere ich unter anderem gerne Agatha-Christie-Krimis. Zuletzt »Postern of Fate« (‚Hintertür des Schicksals‘; 1973, dt.: „Alter schützt vor Scharfsinn nicht“).

Ein bemerkenswerter Krimi, in mehrerlei Hinsicht! Alleine schon der Beginn:

»Books!« said Tuppence.

Tuppence, ihr Mann Tommy und ihr Hund Hannibal richten sich in ihrem neu erworbenen Alterssitz ein. Ärger mit den Handwerkern, Kennenlernen der Gemeinde, Erkunden des Hauses …

Einiger Kruscht und einige Regale voller Bücher sind auch noch dabei. Darunter ein Buch von Stevenson, in dem ein Junge eine Botschaft verschlüsselt hat: „Mary Jordan starb keines natürlichen Todes“.

Das stachelt die Neugier der neuen Hausherrin an! Sie und ihr Mann – so stellt sich allmählich heraus – waren immerhin Agenten im Krieg und haben schon einmal einen Kriminalfall gelöst. Und auch wenn der Fall, wie sich herausstellt, Jahrzehnte alt ist, sind die Recherchen und Aufdeckungen doch ein netter Zeitvertreib und bieten Anlass, mit den Leuten des neuen Wohnortes ins Gespräch zu kommen. Ein hübsches Puzzle also. Bis …

Nein, der Mörder ist nicht immer der Gärtner! Und so mancher „Altfall“ wirft einen laaangen Schatten bis in die Jetztzeit hinein. Und bis in höchste politische Ränge!

Der Roman ist gut und immer wieder auch witzig zu lesen. Und passagenweise erschlagend aktuell:

„(…) Es muss ein vereinigtes Europa geben. Es muss eine Union zivilisierter Länder mit zivilisierten Ideen geben und mit zivilisierten Glaubenssätzen und Prinzipien. (…)“ (erklärt der englische Colonel seinen Gästen). [Übersetzung von mir.]

Gelegentlich schien es mir Redundanzen zu geben und in sich nicht ganz stimmige Szenen. Allerdings war das Buch meine Bettlektüre, und ich war zuweilen arg müde.

Interessant fand ich auch die gelegentlichen langen (aber keineswegs langweiligen!) Dialoge, die unsereinem ein heutiger Schreibratgeber oder Lektor dick angekreidet hätte. Kein Gestikulieren, Husten, Geschirrabwaschen, Fingerverknäulen etc. pp. nebenher, wie es heutzutage bei einer Dialogszene ja oft gefordert wird. Nein, Atmosphäre und Charaktere werden da allein durch das Gespräch lebendig. Und man muß auch nicht wissen, wie der Mann sein Haar trägt oder was die Frau anhat oder ob sie braune oder blaue Augen haben oder …

Offenbar musste Agatha Christie ihren Leserinnen & Lesern noch nicht alles vor-schreiben.

Ähnlich verfährt A. C. mit Hintergründen und Dimension des Falles. Der erweist sich als saftige Verschwörung, die bis in die Gegenwart hinein lebendig ist, aber all das wird nur geschickt skizziert, nicht en detail ausgemalt. Dies überlässt die „Meisterin des Krimis“ ebenfalls ihren Lesern!

Wie ein solcher Roman heute wohl ankäme, wenn nicht „Agatha Christie“ darauf stünde?

Eure Irja.

P. s.: Die Anweisung, redende Personen genauer zu beschreiben, habe ich vor einiger Zeit selber von einer Lektorin erhalten. Dabei war nichts davon von Belang. Witzigerweise kam mir selbige Lektorin bei einer anderen Geschichte mit Tschechows „Gewehr an der Wand“ …

 
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